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Ist es sinnvoll, in die finanzielle Bildung junger Menschen zu investieren?

Veröffentlicht am: Jul 12, 2021

Die Finanzmärkte und die verfügbaren Finanzprodukte werden zunehmend komplexer, sodass es für Individuen immer schwieriger wird, die bestmöglichen Finanzentscheidungen zu treffen. Dennoch trifft der Großteil der Bevölkerung entsprechende Entscheidungen selbst, statt sich Verhaltensempfehlungen von Experten zu suchen. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es notwendig, dass umfangreiche Investitionen in die Vermittlung von Finanzwissen getätigt werden. Insbesondere Kinder und Jugendliche könnten bereits in jungen Jahren an das Thema herangeführt werden und relevantes Wissen sowie die notwendigen Fähigkeiten aufbauen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die Effektivität derartiger Bildungsmaßnahmen zweifelhaft ist. Es stellt sich somit die Frage, ob die hohen Investitionskosten für die Vermittlung von Finanzwissen für Kinder und Jugendliche überhaupt sinnvoll sind. Im Rahmen dieses Posts soll betrachtet werden, warum ausreichendes Finanzwissen für Kinder und Jugendliche von Vorteil ist, wie sich die aktuellen Bildungsmaßnahmen auf deren Finanzwissen sowie die entsprechenden Kompetenzen auswirken und welche wohlfahrtssteigernden Alternativen denkbar wären.

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Die Vermittlung von Finanzwissen wird zunehmend auch als zentraler Bestandteil der Allgemeinbildung von Kindern und Jugendlichen angesehen. Auch wenn diese in der Regel noch keine gravierenden Finanzentscheidungen treffen müssen, wird in die Ausbildung entsprechender Kompetenzen investiert, da negative Konsequenzen wie beispielsweise eine hohe Verschuldung häufig aus unzureichendem Finanzwissen resultieren. Damit sich das Wissen, das die Kinder und Jugendlichen vermittelt bekommen, auch positiv auf deren späteres Verhalten auswirkt, ist es zudem relevant, dass nicht nur theoretisches Wissen vermittelt wird, sondern auch die notwendigen Skills und kognitiven Strategien, um das Wissen in der Praxis anzuwenden.¹

Die Signifikanz von Finanzwissen für den heutigen Alltag würde umfangreiche Investitionen in Bildungsmaßnahmen in diesem Bereich rechtfertigen. Bei der Betrachtung der Kosten darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Implementierung von entsprechenden Kursen in den Schulalltag auch mit signifikanten Opportunitätskosten verbunden ist. Derartige Kurse würden beispielsweise andere Lerninhalte ersetzen, statt den Lehrplan zu ergänzen und somit müssten voraussichtlich wichtige Entscheidungen darüber getroffen werden, welche dieser Inhalte ersetzt werden sollen. Auch wenn die Investition in entsprechende Maßnahmen logisch und richtig erscheint, ist jedoch anzumerken, dass bisherige Bildungsprogramme, die sich mit Finanzwissen beschäftigen, nur stark limitierte Ergebnisse liefern. Insbesondere die zeitliche Distanz zwischen dem Erlangen des Wissens in der Schule und der Anwendung im eigenen Alltag stellt ein Problem dar. Dies gilt nicht nur für die effektive Anwendung auf Seiten der Individuen, sondern auch für die Messbarkeit im Rahmen von wissenschaftlichen Studien, da es nur schwer möglich ist, kausale Verknüpfungen über den langen Betrachtungszeitraum zu belegen. Eine weitere Einschränkung der Effektivität resultiert daraus, dass vorhandenes Wissen nicht angewandt wird. Viele Menschen treffen finanzielle Entscheidungen basierend auf ihren Gewohnheiten oder lassen sich von ihren Emotionen leiten, statt ihr Verhalten an dem verfügbaren Wissen auszurichten.²

Auch wenn empirisch belegt ist, dass sich ausreichendes Finanzwissen positiv auf den Umgang mit Geld auswirkt, führt die fehlende Effektivität von Maßnahmen zur Vermittlung von Finanzwissen auch dazu, dass Stimmen laut werden, die sich gegen derartige Maßnahmen aussprechen. Willis (2008) bezieht beispielsweise Stellung gegen die Bildungsmaßnahmen in der Form, in der sie aktuell umgesetzt werden. Sie argumentiert, dass nicht das tatsächliche Finanzwissen der Individuen relevant für das Verhalten ist, sondern das Selbstvertrauen der Akteure. Auf der einen Seite kann ein zu hohes Selbstbewusstsein bezüglich der eigenen Kompetenz im Finanzbereich zu einer Überschätzung führen und somit auch zu schlechteren Entscheidungen. Auf der anderen Seite resultiert zu niedriges Selbstbewusstsein potentiell in Hemmungen, sodass Aktivitäten, die notwendig sind, um fundierte Entscheidungen bezüglich der eigenen Finanzen zu treffen, gar nicht aufgenommen werden. Bildungsmaßnahmen verbessern häufig nicht das tatsächliche Finanzwissen, sondern lediglich das Selbstbewusstsein der Individuen, sodass möglicherweise die Diskrepanz zwischen dem selbst wahrgenommen Finanzwissen und den tatsächlich vorhandenen größer wird. Ist dies der Fall, führt dies unter Umständen dazu, dass sich das finanzielle Verhalten durch die Bildung nicht verbessert, sondern vielleicht sogar verschlechtert. Die Autorin präsentiert daher Alternativen zu der klassischen Vermittlung von Finanzwissen, die sich positiv auf die Wohlfahrt der Individuen auswirken könnten. Dies könnten beispielsweise Maßnahmen wie der Aufbau eines Netzwerks an Experten sein, über das die Konsumenten an bezahlbares Expertenwissen kommen. Denkbar wären aber auch wohlfahrtsfördernde Standards, die von den Gesetzgebern erarbeitet und durchgesetzt werden oder die Erhöhungen der Transparenz von Finanzprodukten, sodass es für die Konsumenten leichter wird, angemessene Entscheidungen zu treffen.³

Ob der Ansatz, vollständig auf die finanzielle Grundausbildung von Kindern und Jugendlichen zu verzichten, der richtige Weg ist, erscheint zumindest fraglich. Es ist jedoch unbestritten, dass in diesem Bereich umfangreiche Reformen notwendig sind. Insbesondere Teenagern und jungen Erwachsenen kommt eine kontinuierlich steigende Verantwortung zu, wenn es um den richtigen Einsatz finanzieller Ressourcen geht. Selbst wenn diese sich von Experten beraten lassen, sind sie am Ende noch immer selbst die Entscheidungsträger und somit ist es notwendig, dass die Empfehlungen und Ratschläge der Experten auch verstanden und verarbeitet werden können. Ohne jegliche Grundkenntnisse im Finanzbereich ist davon auszugehen, dass dies jedoch problematisch wäre. Ein denkbarer Ansatz, wäre die Verknüpfung beider Denkrichtungen, indem sowohl grundlegende Kenntnisse vermittelt werden als auch Unterstützung bei den Entscheidungen angeboten wird. Mittelfristig könnten die Betroffenen vielleicht davon profitieren, dass ein Wissenstransfer von Experten zu Konsumenten stattfindet, sodass diese in der Zukunft auch selbstständig bessere Entscheidungen treffen können.

Neben einer Veränderung in der Infrastruktur, auf die die bedürftigen Individuen zugreifen können, scheint es unvermeidlich, dass die Methoden, mit denen das Finanzwissen vermittelt werden soll, geändert bzw. verbessert werden. Die reine Vermittlung von theoretischem Wissen scheint wenig zielführend, wenn nicht gleichzeitig auch eine Möglichkeit zur Anwendung im eigenen Leben vorliegt. Eine Empfehlung könnte somit sein, dass entsprechende Bildungsmaßnahmen sich immer an den Lebensumständen der Lernenden orientieren sollten. Dieses Maß an Individualität würde jedoch einen enormen Ressourcenaufwand mit sich bringen, sodass die Umsetzung eher unrealistisch scheint. Ein Lösungsansatz für diese Herausforderung könnte jedoch in der technischen Entwicklung stecken. Mithilfe von Softwarelösungen und anderen Simulationen könnte die Individualität berücksichtigt werden, ohne dass eine lehrende Person ein individuell angepasstes Lernprogramm entwickeln und durchführen müsste. Viele Computerspiele sind bereits auf einem sehr realitätsnahen Niveau und auch die Interaktivität ist in Multiplayer-Spielen gegeben. Warum sollten Kinder und Jugendliche also nicht die Möglichkeit erhalten, relevantes Finanzwissen spielerisch zu erlernen und in simulierten Szenarien, die auch der Realität entsprechen könnten, zu festigen. Ähnliche Simulationen existieren bereits für das Handeln mit Anlageprodukten an der Börse und somit sollte auch die Ausweitung auf das Vermitteln von Grundkenntnissen kein signifikantes Problem darstellen. Von einer solchen Lösung könnten alle Parteien profitieren, da sie sowohl die Lehrenden als auch die Lernenden entlasten könnte und trotzdem einen effektiveren Weg des Lernens darstellen würde.

Eine allgemeine Beantwortung der übergeordneten Fragestellung dieses Posts gestaltet sich schwierig. Die Vermittlung von Finanzwissen, wie sie derzeit zu großen Teilen erfolgt, ist wohl kaum geeignet, relevantes Wissen sowie die notwendigen Fähigkeiten zur selbstständigen Anwendung im Alltag aufzubauen. Aus dieser Perspektive wäre es gerechtfertigt, zu behaupten, dass nicht in entsprechende Bildungsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche investiert werden sollte. Andererseits führt die aktuelle Entwicklung des alltäglichen Lebens, dass die entsprechenden Kompetenzen immer relevanter werden, sodass hier eher eine deutliche Verbesserung des Lernangebots sinnvoll erscheinen würde. Von einem Konzept, dass den effektiven Wissenstransfer und das Kompetenzerleben im Rahmen der eigenen Anwendung – unabhängig davon, ob dies im tatsächlichen Leben oder einer realistischen Simulation erfolgt – würden voraussichtlich alle Beteiligten profitieren.

¹ Amagir, A., Groot, W., Maassen van den Brink, H., & Wilschut, A. (2018). A review of financial- literacy education programs for children and adolescents. Citizenship, Social and Economics Education, 17(1), 56-80. https://doi.org/10.1177/2047173417719555.

² Fernandes, D., Lynch Jr, J. G., & Netemeyer, R. G. (2014). Financial literacy, financial education, and downstream financial behaviors. Management Science, 60(8), 1861-1883. https://doi.org/10.1287/mnsc.2013.1849.

³ Willis, L. E. (2008). Against financial-literacy education. Iowa Law Review, 94, 197. https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=1105384.

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