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Wie kann ich mein Leistungsniveau kontinuierlich verbessern?

Veröffentlicht am: Dez 13, 2021

Niemand ist perfekt. Unsere wahrgenommenen Grenzen sind jedoch häufig selbst gesetzt, sodass jeder die Möglichkeit haben sollte, sich selbst und die eigenen Fähigkeiten zu verbessern. Wenn es darum geht, warum manche Menschen erfolgreicher sind als andere, werden häufig zwei gegensätzliche Begründungen herangezogen. Einerseits wird immer wieder argumentiert, dass Glück, angeborene Fähigkeiten und das vorhandene Potential entscheidend für den individuellen Erfolg sind. Andererseits lässt das Sprichwort „Übung macht den Meister“ darauf schließen, dass jeder die Möglichkeit hat, außergewöhnlich hohe Leistungen zu erbringen. Es stellt sich somit die Frage, ob und wenn ja, wie man seine eigenen Fähigkeiten und das eigene Leistungspotential kontinuierlich verbessern kann. Im Rahmen dieses Posts soll betrachtet werden, warum verschiedene Übungsformen unterschiedlich effektiv sind, warum Automatisierung unter Umständen schädlich sein kann und inwieweit deliberate practice eine Voraussetzung für Erfolg darstellt.

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Was zeichnet einen Experten aus? Die Beantwortung dieser Frage stellt eine Herausforderung dar, da Expertise nur schwer definiert oder zertifiziert werden kann. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich auch die Beurteilung von Spitzenleistungen und den ihnen zugrundeliegenden Mechanismen schwierig gestaltet. Ein vielzitierter Ansatz ist die deliberate practice theory, die im Wesentlichen von dem renommierten Psychologen Karl Anders Ericsson geprägt wurde. Ericsson (2008) erkennt zwar an, dass Erfahrung häufig eine Voraussetzung für ein hohes Leistungsniveau ist, betont jedoch gleichzeitig, dass Erfahrung und Wissen allein in der Regel nicht ausschlaggebend für die realisierte Leistung sein können. Er argumentiert, dass Automatisierung, die häufig als Ziel eines Lernprozesses angesehen wird, da in diesem Fall die kognitive Belastung bei der Umsetzung sinkt, schädlich für Individuen ist, wenn diese danach streben, Expertenstatus zu erlangen. Automatismen schränken die weiterführende Entwicklung ein und die Betroffenen sollten daher das Anforderungsniveau ihrer Übungen erhöhen, um diesem Umstand vorzubeugen. Die Erhöhung der eigenen Standards wird in diesem Fall dazu führen, dass auch das eigene Leistungspotential steigt. Ericsson ist der Überzeugung, dass das individuelle Potential nicht das eigene Leistungsniveau bestimmt, sondern dass die individuelle Leistung das eigene Potential erhöht.¹ Dabei ist es wichtig, zu berücksichtigen, dass nicht jede bereichsspezifische Aktivität als deliberate practice angesehen werden kann. In ihrer einflussreichen Arbeit nehmen Ericsson, Krampe & Tesch-Römer (1993) folgende Abgrezung hinsichtlich verschiedener Aktivitäten vor:

“Consider three general types of activities, namely, work, play, and deliberate practice. Work includes public performance, competitions, services rendered for pay, and other activities directly motivated by external rewards. Play includes activities that have no explicit goal and that are inherently enjoyable. Deliberate practice includes activities that have been specially designed to improve the current level of performance.”²

Folgt man diesem Verständnis, zeichnet sich deliberate practice durch das explizite Streben nach Verbesserung aus, welches im Rahmen anderer Aktivitäten nicht zwangsläufig vorliegt. Deliberate practice ist somit eine eigenständige Aktivität, die nicht bereits in den beruflichen oder privaten Alltag integriert ist, sondern von Individuen bewusst verfolgt werden muss.

Auch wenn die Ergebnisse von Ericsson und seinen Kollegen weitreichende Anerkennung gefunden haben, ist die Theorie nicht frei von Kritik. Immer wieder wird hervorgehoben, dass die Annahme, dass der Umfang an deliberate practice als einziger Faktor das Leistungsniveau bestimmt, als Erklärung zu einfach und daher auch realitätsfern ist. Hambrick et al. (2014) kommen in ihrer Arbeit beispielsweise zu dem Schluss, dass deliberate practice lediglich etwa ein Drittel der Varianz in Bezug auf das Leistungsvermögen von Schachspielern oder Musikern erklären kann. Die Autoren betonen, dass je nach Anwendungsbereich und Situation andere Faktoren wie beispielsweise das Startalter oder auch die allgemeine Intelligenz eine signifikante Rolle bei der Bestimmung des Leistungsniveaus spielen.³ Campitelli & Gobet (2011) hingegen begründen ihre Kritik damit, dass es keine Ausnahmen geben dürfte, wenn die Theorie von Ericsson et al. realistisch wäre. Sie zeigen jedoch, dass das Erreichen der magischen Zahl von 10.000 Stunden an deliberate practice, keine Garantie dafür darstellt, dass die Person eine Expertenleistung erbringt. Umgekehrt zeigen sie zudem, dass auch Individuen, die weniger als 10.000 Stunden an deliberate practice aufweisen können, in der Lage sind, die Leistung von Experten zu erbringen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die 10.000 Stunden-Regel, die unter anderem auch durch Malcolm Gladwell´s Bestseller Outliers: The Story of Successan Bekanntheit gewonnen hat, eher den Durchschnitt als das Minimum für das Erreichen eines Expertenstatus darstellt.⁴

Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen es von Vorteil ist, bestimmte genetische Voraussetzungen zu haben. Ein Beispiel dafür könnte der Leistungssport sein, da manche Athleten aufgrund ihrer physischen Attribute in der Lage sind, eine höhere Leistung zu erbringen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass dies eher Ausnahmen sind. Grundsätzlich sollte jeder in der Lage sein, sich zu verbessern und angeborene Fähigkeiten werden wohl erst dann einen relevanten Unterschied machen, wenn es um absolute Bestleistungen auf internationaler Ebene geht. Gleichzeitig ist jedoch zu betonen, dass allein die Tatsache, dass eine Person etwas Bestimmtes trainiert, nicht bedeutet, dass sie sich auch zwangsläufig verbessert. Es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen der bloßen Ausübung und dem gezielten Training, das darauf ausgerichtet ist, spezifische Komponenten zu schulen und zu verbessern. Deliberate practice kann als Ansatz betrachtet werden, der Individuen eine Rahmenstruktur zur Verfügung stellt und sie dabei unterstützt, dass individuelle Leistungsniveau zu erhöhen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass der Weg zum Expertenstatus nur erfolgreich bestritten werden kann, wenn die handelnde Person bereit ist, signifikante Anstrengungen in Kauf zu nehmen. Übungen, die darauf abzielen, sich zu verbessern, sind anstrengend und werden eher als notwendiges Übel angesehen. Wichtig dabei ist zudem, dass das Schwierigkeitslevel nicht nur kontinuierlich angehoben wird, sondern auch, dass im Vorfeld klare Leistungsstandards definiert werden, sodass der Fortschritt gemessen und beurteilt werden kann. Aus diesem Grund ist es wahrscheinlich auch sinnvoll, sich externer Hilfe durch Trainer oder andere Personen, die einem bei der Trainingssteuerung helfen und adäquates Feedback zur eigenen Leistung geben, zu bedienen. Derartige Unterstützung dürfte dem Prozess ein gewisses Maß an Struktur geben und die Wahrscheinlichkeit, dass das Üben auch zu einer tatsächlichen Verbesserung führt, erhöhen. Anders als bei der Entwicklung von Automatismen, ist bei Aktivitäten, die als deliberate practice bezeichnet werden, nicht davon auszugehen, dass die Ausführung dazu führt, dass sich Leistungsplateaus bilden. Individuen sollten sich jedoch bewusst sein, dass derartiges Training der eigenen Fähigkeiten kräftezehrend sein wird und sie nicht in der Lage sein werden, entsprechende Aktivitäten über einen langen Zeitraum auszuführen. Aus diesem Grund ist es von Vorteil, so früh wie möglich mit dem gezielten Training zu beginnen, wenn es das ausdrückliche Ziel ist, Expertenstatus zu erlangen.

Niemand ist in der Lage, seine absolute Bestleistung abzurufen, ohne dafür ausgiebig zu trainieren. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um Sportler, Musiker, Entscheidungsträger oder Personen mit anderen Funktionen handelt. Jeder, der den Status eines Experten auf einem gewissen Gebiet anstrebt, wird sich diesen über einen langen Zeitraum erarbeiten und verdienen müssen. Deliberate practice theory bietet einen geeigneten Ansatz, an dem Individuen sich orientieren können, wenn sie das eigene Leistungsniveau kontinuierlich verbessern wollen. Zwar ist das (effektive) Trainieren bestimmter Fähigkeiten mit dem Ziel der stetigen Verbesserung noch keine Garantie für das Erreichen von Spitzenleistungen, es ist jedoch davon auszugehen, dass es als notwendige Voraussetzung für das Erreichen des Expertenstatus angesehen werden kann. Individuen, die dieses Ziel erreichen wollen, sollten sich durch Beständigkeit auszeichnen, Disziplin an den Tag legen und akzeptieren, dass dieser Prozess nur über einen langen Zeitraum vonstattengehen kann. Je früher Individuen anfangen, deliberate practice in ihren Alltag zu integrieren, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Expertenstatus erreichen.

¹ Ericsson, K. A. (2008). Deliberate practice and acquisition of expert performance: a general overview. Academic emergency medicine, 15(11), 988-994.
https://doi.org/10.1111/j.1553-2712.2008.00227.x.

² Ericsson, K. A., Krampe, R. T., & Tesch-Römer, C. (1993). The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance. Psychological review, 100(3), p. 368.
https://doi.org/10.1037/0033-295X.100.3.363.

³ Hambrick, D. Z., Oswald, F. L., Altmann, E. M., Meinz, E. J., Gobet, F., & Campitelli, G. (2014). Deliberate practice: Is that all it takes to become an expert? Intelligence, 45, 34-45.
https://doi.org/10.1016/j.intell.2013.04.001.

⁴ Campitelli, G., & Gobet, F. (2011). Deliberate practice: Necessary but not sufficient. Current directions in psychological science, 20(5), 280-285.
https://doi.org/10.1177/0963721411421922.

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